29. Spieltag – St. Pauli (H)
Stellungnahme zur Einlasssituation am Millerntor
Im Folgenden möchten wir die Stellungnahme des Supporters Club mit euch teilen.
Die Derby-Niederlage steckt uns noch in den Knochen, aber wir sind uns sicher, dass unsere Mannschaft schnell wieder in die Spur findet und an der positiven Entwicklung der letzten Wochen anknüpft. Abseits des Platzes gab es leider Missstände, zu denen wir hiermit Stellung nehmen möchten:
Wir fordern eine unabhängige, zeitnahe und vollständige Aufklärung des Polizeieinsatzes beim Derby und dessen Verhältnismäßigkeit.
Des Weiteren möchten wir den Einlass am Gästebereich scharf kritisieren. Die baulichen Gegebenheiten am Eingang des Gästeblockes sind schon lange fragwürdig und wurden bereits von zahlreichen Fanszenen kritisiert. Die Zustände am Freitag waren besonders schlimm und hätten schnell noch deutlich schlimmer enden können.
Ein großer Teil des Gästeanhangs kam zeitgleich am verschlossenen Gästeblock an. Warum das Stadion erst 90 Minuten vor Anpfiff öffnete, ist uns nicht klar. So mussten die Fans, eingepfercht von Polizei und Zäunen, ohne Zugang zu Sanitäranlagen, warten. Eine frühere Öffnung des Stadions hätte sicherlich für Entzerrung und Entspannung gesorgt. Als es schließlich losging, wurde nur ein Zugangstor geöffnet, hinter dem zwei Kontrollen und Drehkreuze warteten. So mussten mehrere tausend Anhängerinnen und Anhänger durch ein Tor von rund drei Metern Breite. Dass sich genau an diesem Nadelöhr, gerade zu Beginn der Stadionöffnung, ein enormer Zustrom an Menschen entwickeln würde, muss im Vorfeld klar gewesen sein. Es ist der Besonnenheit aller Anwesenden und dem Einsatz unserer Kolleginnen und Kollegen von Fankultur und Fanprojekt zu verdanken, dass in dem Gedränge keine Massenpanik ausbrach. Die Konsequenzen wären dramatisch gewesen.
Zu der knappen Zeit, den wenigen Drehkreuzen und überfordert wirkendem Ordnungspersonal kamen zudem noch unlesbare Barcodes der Print-At-Home Tickets. Uns erreichen zahlreiche Meldungen, dass es Probleme mit dem Scannen gab und damit sehr unterschiedlich verfahren wurde: Einige durften mit gültigen Tickets unter dem versperrten Drehkreuz hindurchkrabbeln. Andere wurden mit einem gültigen Gästeticket zum Heimbereich (!) geschickt. Wiederum Andere erhielten die Anweisung, es doch einfach nochmal zu probieren. Das führte dazu, dass der Scanner das Ticket verweigerte, weil es ja schon einmal eingescannt wurde. Diesen Fans wurde der Einlass trotz gültiger Tickets verboten, sie mussten ihre Personalien bei der Polizei abgeben und erhalten laut Aussage der Polizei eine Anzeige wegen versuchtem Betrug.
Die Zustände am Freitag sind inakzeptabel. Wir sollten nicht warten, bis schlimmeres passiert, sondern jetzt handeln. Daher sprechen wir mit allen Beteiligten und werden so versuchen, dass sich die Situation vor Ort ändert. Für Gästefans aller Vereine. Um die Situation am Freitagabend besser zu dokumentieren bitten wir alle HSVerinnen und HSVer, sich bei uns zu melden, wenn sie ihre Erlebnisse und Probleme teilen möchten. Schreibt an supporters@hsv.de.
Stellungnahme SKA
Nicht wenige von uns werden sich noch schmerzlich an den 13.08.2021 zurückerinnern – an diesem Tag verlor unser HSV das Auswärtsderby beim ungeliebten Stadtrivalen mit 3:2, bevor im Rückspiel die Kräfteverhältnisse geradegerückt werden konnten. Allerdings hinterließ nicht nur das Geschehen auf dem Rasen einen mehr als bitteren Beigeschmack, sondern auch die Einsatzkräfte der Polizei Hamburg taten ihr Übriges dazu. Anlässlich einer kürzlich gestellten Schriftlichen Kleinen Anfrage zu diesem Thema möchten wir die Geschehnisse nochmals Revue passieren lassen und einen Ausblick zur anstehenden Auswärtspartie gegen den Stadtteilverein liefern.
Was war passiert?
Aufgrund der zu diesem Zeitpunkt noch geltenden Beschränkungen der Coronavirus-Eindämmungsverordnung war ein regulärer Stadionbesuch noch in weiter Ferne. Daher entschloss sich ein Tross von HSV-Fans, gemeinsam zu Fuß den Weg vom Bahnhof Holstenstraße in Richtung des Hans-Albers-Platzes anzutreten, um in den dortigen Lokalen das Spiel zu verfolgen. Der Polizei Hamburg stieß dieser Plan derart sauer auf, dass diese nach kurzer Festsetzung aller Anhänger*innen den geplanten Fußmarsch untersagte und stattdessen verfügte, dass diese den Weg nur in Kleingruppen à 10 Personen zurücklegen dürften. Diese Einsatztaktik führte dazu, dass schon an der Kreuzung Holstenstraße/Max-Brauer-Allee Angriffe von Fans des FC St. Pauli auf die in Kleingruppen befindlichen Anhänger*innen des HSV erfolgten. In der Folge kam es allein auf HSV-Seite zu 27 Ermittlungsverfahren, einigen Stadionverboten und noch diversen Stadionverbotsverfahren. Gleichzeitig sind auch schon einige Ermittlungsverfahren eingestellt worden.
Was ist eine Schriftliche Kleine Anfrage?
Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft haben die Möglichkeit, dem Senat in Form von Schriftlichen Kleinen Anfragen Fragen vorzulegen, um auf diese Weise die Arbeit des Senats zu überwachen und die für die parlamentarische Arbeit notwendigen Informationen zu erhalten. Der Senat ist verpflichtet, diese Fragen innerhalb von 8 Tagen Schriftlich zu beantworten.
Wie sind die Antworten des Senats zu bewerten?
Vorab sei gesagt: wer sich von den Antworten des Senats eine ergebnisoffene und kritische Auseinandersetzung mit dem polizeilichen Vorgehen erhofft haben sollte, wird enttäuscht sein. Wenig überraschend stellt sich der Senat hinter die Einsatztaktik und versucht diese mit teils widersprüchlichen, teils rechtlich schlichtweg falschen Erwägungen zu untermauern. Aber seht selbst.
Zunächst begründet der Senat die Entscheidung zum Laufen in Kleingruppen mit Gründen der Gefahrenabwehr und der Durchsetzung der zu dieser Zeit geltenden Coronavirus-Eindämmungsverordnung. Jedoch wurde laut diverser Berichte von Augenzeug*innen die Einhaltung der in eben dieser Verordnung festgeschriebenen Mindestabstände durch die Festsetzung der Fans am Holstenplatz unmöglich gemacht, was seitens des Senats auch nicht bestritten wird. Allerdings soll angesichts der dynamischen Situation eine „kurzfristige“ Unterschreitung der Mindestabstände – faktisch über einen Zeitraum von mindestens 30 Minuten– unvermeidbar und unter freiem Himmel auch hinnehmbar gewesen sein. Inwiefern es aber nicht hinnehmbar gewesen sein soll, anstatt eines minutenlangen Polizeikessels in engem Gedränge einen Marsch unter Einhaltung der Abstände zuzulassen, erschließt sich nicht. Diese Entscheidung war allem Anschein nach auf einen Alleingang des zuständigen Einsatzführers zurückzuführen – nicht einmal die eigenen Szenekundigen Beamten wurden in die Entscheidung eingebunden, geschweige denn sachkundigere Akteur*innen wie etwa das Fanprojekt. Es gilt an dieser Stelle noch mal festzuhalten, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit ohne das Zutun der Polizei Hamburg nie zu dieser Eskalation gekommen wäre.
Unklar bleibt auch die genaue Tragweite der seitens des Senats angeführten Gründe der Gefahrenabwehr. Der Begriff stammt aus dem Polizeirecht und kann jeden potenziellen Verstoß gegen irgendeine rechtliche Norm meinen – welche genau in diesem Fall betroffen gewesen sein soll, geht aus der Antwort aber leider nicht hervor, sodass der Aussagegehalt gegen Null geht. Allerdings hätte potenziell auch ein Verstoß gegen die Coronavirus-Eindämmungsverordnung genügt, auf die sich der Senat in der Antwort zu Frage 6 auch beruft. Angesichts der widersprüchlichen Begründung wirkt dies mehr als fragwürdig. Insgesamt überwiegt daher der Eindruck, dass es sich bei der Einsatztaktik schlichtweg um eine Mischung aus schlechter Planung und gezielter Repression gegen Fußballfans handelte.
Die intransparente Linie der handelnden Behörden zieht sich auch in Bezug auf die Aufarbeitung des Einsatzes weiter durch. So begnügt sich der Senat mit der Feststellung, eine interne Einsatzaufarbeitung auf allen erforderlichen Ebenen durchgeführt zu haben und beruft sich im Übrigen auf einsatztaktische Gründe, insbesondere die der Geheimhaltung unterliegende „Polizeidienstvorschrift Führung und Einsatz bei der Polizei“. Allerdings soll nach Ansicht des Senats die Entscheidung zur Untersagung des Fußmarsches im Ergebnis nicht zu beanstanden sein. Dass allein hierdurch Angriffe auf HSV-Fans ermöglicht wurden, welche in den beschriebenen Sanktionen endeten, wird dabei geflissentlich ausgeblendet. Überraschend ist dies aber nicht, wenn man bedenkt, dass die Innenbehörde unter Führung des allseits beliebten Polizeifreunds Andy Grote für die Ausarbeitung der Antwort verantwortlich war – Korpsgeist und Loyalität sind offensichtlich wichtiger als eine ergebnisoffene Aufarbeitung, welche diesen Namen auch verdient.
Schließlich erlaubt sich der Senat noch einen groben inhaltlichen Schnitzer, welcher symptomatisch für das wenig durchdachte Vorgehen in dieser Angelegenheit steht. So wurden diverse Personendaten von verdächtigen Personen an die beiden beteiligten Vereine weitergegeben, damit diese Stadionverbote aussprechen können. Jede Datenweitergabe an Private muss auf einer entsprechenden gesetzlichen Grundlage beruhen, welche der Senat in der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sieht. Hierbei übersieht er jedoch leider, dass die DSGVO auf die Datenverarbeitung zu Zwecken der Strafverfolgung oder der Verhütung von Straftaten gar nicht anwendbar ist und somit nicht als entsprechende Rechtsgrundlage in Frage kommt. Ob nun hinter dieser Fehleinschätzung tatsächlich mangelnde Rechtskenntnis oder fehlende Motivation zur Beschäftigung mit der Schriftlichen Kleinen Anfrage steckt – in jedem Fall wirft sie ein mehr als zweifelhaftes Licht auf die Antwort des Senats.
Ausblick
Nun steht das nächste Auswärtsderby unmittelbar vor der Tür und wird aller Voraussicht nach wieder von einem polizeilichen Großaufgebot unter einer personell sehr ähnlich aufgestellten Polizeiführung begleitet werden. Mögliche Hoffnungen auf personelle und inhaltliche Konsequenzen für die Einsatzleitung werden durch die Mauertaktik des Senats leider stark gedämpft. Allerdings zeigt die Thematisierung dieser Geschehnisse auf politischer Ebene deutlich, dass Fußballfans mit ihrer seit Jahren geäußerten Kritik an polizeilichen Vorgehensweisen nicht allein sind. In jedem Fall werden wir ein sehr wachsames Auge auf den Umgang mit Fans durch die Einsatzkräfte haben und fordern jede*n auf, etwaiges Fehlverhalten nach Möglichkeit zu dokumentieren und an die Fanhilfe Nordtribüne zu melden.
Fanhilfe Nordtribüne im Oktober 2022
Alt, reich, uneinsichtig – Der Fall Kühne+Nagel und der Nationalsozialismus
Dieser Text ist in der zweiten Ausgabe des Bahrenfelder Anzeigers erschienen, dessen Erwerb wir euch wärmstens ans Herz legen. Aufgrund der Relevanz des Themas veröffentlichte zunächst Forza Hamburg den Text. Aus dem aktuell gegebenen Anlass möchten wir euch den Text auch hier zur Verfügung stellen.
Die Person Klaus-Michael Kühne dürfte nahezu allen HSVer*innen ein Begriff sein: Von vielen wurde und wird er als potenzieller Heilsbringer und großzügiger Gönner gefeiert und von einigen wenigen wiederum seit jeher kritisch beäugt, vor allem aufgrund seiner federführenden Rolle bei der Ausgliederung der Profifußballabteilung aus dem HSV e. V. im Jahre 2014. Jüngst sicherte sich der Milliardär erst wieder bis zum 30. Juni 2023 die Namensrechte am Volksparkstadion. Doch auch fernab von der eigenen Haltung zur längst vollzogenen Ausgliederung oder der voranschreitenden Kommerzialisierung des Profifußballs, möchte ich in diesem Text eine andere, viel tiefer greifende Problematik aufgreifen, die sich mir in den letzten Jahren immer wieder aufgedrängt hat, aber im HSV-Kontext leider noch nicht wirklich thematisiert werden konnte. Es geht schlicht und ergreifend darum, woher eigentlich dieses ganze Geld stammt, was Kühne seit nunmehr acht Jahren in den HSV pumpt. Damit möchte ich weniger mit dem moralischen Zeigefinger auf eine Person zeigen, die so unfassbar reich ist, dass sie ganz offenkundig gar nicht weiß wohin mit der ganzen Kohle – abgesehen von der frühen Gewissheit sowohl den Firmensitz von Kühne+Nagel als auch das eigene Milliardenvermögen in der steuerfreundlichen Schweiz zu parken. Nein, es geht um die NS-Vergangenheit eben genau jener Firma, der Klaus-Michael als Firmenerbe und Hauptanteilseigner seinen Reichtum verdankt, wie Kühne damit umgeht und warum es nicht mit den Werten, für die der HSV einsteht, vereinbar ist.
Zuerst einmal: Ja, so ziemlich alle deutschen Firmen, deren Anfänge auf die Zeit vor 1945 zurückgehen, waren zu unterschiedlichen Graden in den Nationalsozialismus verstrickt. Adidas, Daimler, Bayer – die Liste von renommierten Firmen, die in der NS-Zeit nicht bloße Opfer ihrer Umstände waren, sondern fleißig mitwirkten und profitierten, ist lang. In diese Reihe gesellt sich auch Kühne+Nagel als heute drittgrößter Spediteur der Welt, damals als “nationalsozialistischer Musterbetrieb” ausgezeichnet. Der Historiker Frank Bajohr vom Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München spricht nicht umsonst von einer “relativen Nähe zum Massenmord.” Entgegen späterer Beteuerungen, es hätte sich um eine einvernehmliche Trennung gehandelt, wurde schon 1933 der jüdische Hauptanteilseigner Adolf Maass entschädigungslos von den Brüdern Werner und Alfred Kühne aus der Firma gedrängt. Wie Ulrike Sparr recherchierte, bezeichnete Maass’ Sohn Gerhard die Kühne-Brüder später konträr zu dem von ihnen bemühten Mitläufer-Image als “einflussreiche Nazis” und während Gerhards Eltern 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1945 in Auschwitz ermordet wurden, lebten die Kühnes in Saus und Braus. Dadurch, dass sie sich und ihre Logistikfirma in den Dienst des NS-Regimes stellten, konnten sie sich Rekordgehälter auszahlen lassen, von denen sie u.a. zahlreiche Immobilien erwarben, wie etwa die “arisierte” Villa Lichtensee in Hoisdorf bei Hamburg. Neben Raubkunsttransporten aus den besetzten Gebieten und sogar Versorgungslieferungen für die Wehrmacht, basierte ihr wirtschaftlicher Erfolg vor allem auf Kühne+Nagels Quasimonopol beim Transport bzw. der “Verwertung” Eigentums jüdischer Deportierter aus den besetzten Gebieten – der sogenannten M-Aktion. So wurden mit tatkräftiger logistischer Unterstützung der Firma von 1941 an über siebzigtausend Wohnungen leergeräumt und die zurückgelassenen Besitztümer in tausenden Zugwaggons und Schiffsladungen nach Deutschland transportiert. Hier wurden diese unter Wert auktioniert oder an Ausgebombte verteilt, um die Kriegsmoral der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Der Journalist Henning Bleyl konnte zudem rekonstruieren, wie die Internationalisierung der Firma und die damit verbundene Infrastruktur, welche das Fundament für den Erfolg der Firma nach 1945 bildete, “in den Fußstapfen der Wehrmacht” erfolgte. Neue Niederlassungen des Spediteurs folgten der Spur des Nationalsozialismus – von Rotterdam bis nach Lissabon, von Genua bis nach Riga. Alfred und Werner Kühne wurden deshalb nach dem 2. Weltkrieg im Prozess der “Entnazifizierung” Westdeutschlands in der zweithöchsten Belastungskategorie als “Aktivist und Nutznießer” geführt, ehe sie auf Initiative der US-Militärregierung als “Mitläufer” entlastet wurden und schon 1948 wieder ihre Firma führen durften – allem Anschein nach, weil die Militärregierung auf deren Logistiknetzwerk angewiesen war. Im Kontrast dazu und der späteren Verleihung des Bundesverdienstkreuz für Klaus-Michaels Vater Alfred stand die Behandlung von Geschäftspartnern der Kühnes im Ausland. So wurde bspw. ihr niederländischer Geschäftspartner Abraham Puls, der ebenso an der M-Aktion beteiligt war, zunächst als Kollaborateur zu Tode verurteilt, ehe dies in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt wurde. Fest steht also: Die Firma Kühne+Nagel hat an der massenhaften Verfolgung, dem Raub und der letztendlichen Ermordung von Juden und Jüdinnen in der NS-Zeit prächtig verdient und war somit Mittäter. Darüber hinaus basiert der Nachkriegserfolg des Spediteurs nicht zuletzt auch maßgeblich auf der eigenen NS-Komplizenschaft und der damit einhergehenden internationalen Expansion. Konsequenzen gab es hingegen für die Zusammenarbeit mit dem NS-Regime bis heute kaum.
Und so kommen wir zum Thema Aufarbeitung im Hause Kühne+Nagel. Die kürzlich verstorbene Holocaustüberlebende und Aktivistin Esther Bejarano predigte jahrzehntelang Schüler*innen in Deutschland: “Ihr seid nicht schuld an dieser schrecklichen Zeit, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über die Geschichte wissen wollt.” Diese Selbstverständlichkeit scheint aber leider an Klaus-Michael Kühne vorbeigegangen zu sein. Denn die Aufarbeitung der Firmengeschichte Kühne+Nagels gleicht bis zum heutigen Tage, 77 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, einer Farce. Zwar gab es seit 2015 ein prinzipielles Eingeständnis einer Teilschuld, nachdem zuvor verlautet worden war, dieser Zeit mangele es an “Relevanz für die Firmengeschichte”. Nichtsdestotrotz zeichnete sich der Umgang mit diesem Thema bislang noch immer maßgeblich durch Relativierung und Blockierung konsequenter Aufarbeitungsversuche von außen aus. In der Festschrift zum 125-jährigen Bestehens des Unternehmens bekennt sich Kühne+Nagel zu einer gewissen Mittäterschaft, die das Unternehmen bedauere, aber als unvermeidlich für den Fortbestand der Firma beschrieb. Auch Klaus-Michael bekräftigte diese zynische Erzählung vom unvermeidlichen “Zwang des Krieges” später in einem Interview – gegenläufig zu den Darstellungen unabhängiger Historiker*innen, die Kühne+Nagel bescheinigen, sie hätten sich “eifrig in den Dienst der Gestapo gestellt” (Johannes Beermann), um sich die Monopolstellung in den Möbeltransporten aus den besetzten Gebieten zu sichern. Unabhängigen Historiker*innen wird im Gegenteil auch noch die Einsicht in Firmenarchive verweigert, unter Zuhilfenahme der unlängst stark angezweifelten Behauptung, entsprechende Bestände seien 1944 einem Bombenangriff zum Opfer gefallen und sowieso wolle man die Geschehnisse lieber firmenintern aufarbeiten. Ebenso wurden Vorstößen in Bremen, ein Arisierungsmahnmal unweit der Firmenzentrale zu installieren, wieder und wieder Steine in den Weg gelegt und die Mitfinanzierung vom Milliardenkonzern und seinem selbsternannten hanseatischen Chef-Philanthrop versagt. Daraufhin protestierten Aktivist*innen mit einem riesigen “Auf Raub gebaut”-Transparent vor Kühne+Nagels Firmensitz. Bei Kühne selbst stießen dieses Engagement und kritische Pressenachfragen, die dieses Thema immer wieder “hochkochen”, auf Unverständnis. Dies hätte in seiner Wahrnehmung ja in den 1950er- und 1960er-Jahren Sinn ergeben, aber heute käme es für ihn überraschend, dass dies wieder thematisiert werde. Trotz fehlender Aufarbeitung scheint also Klaus-Michael als direkter Nachkomme und Nutznießer der Täter stellvertretend für die Opfer des Nationalsozialismus ihre Verbrechen vergeben und vergessen zu haben. Wie überaus großzügig von ihm.
Was also ergibt sich nun daraus für uns HSVer*innen? Niemand wird so realitätsfern sein, eine Distanzierung oder gar eine komplette Lossagung von Kühne zu erwarten. Aber es ist allerhöchste Zeit den Widerspruch zwischen den vom HSV propagierten Werten und diesem Hintergrund Kühnes zu problematisieren – gerade durch uns Fans. Auch der Umstand, dass in der Fanszene vom ungeliebten SV Werder Bremen dies bereits mit einem Spruchband (“Kühne – Dienstleister des Faschismus”) getan wurde – und das ohne, dass der Verein einen derartig engen Bezug wie der HSV zu Kühne aufweist – sollte noch einmal als dringender Reminder fungieren, sich dieser Aufgabe zu stellen. Denn Kühne ist Anteilseigner und Mäzen unseres HSV und ich persönlich werde mich neben allgemeinen Bedenken der Beständigkeit eines solchen Modells wohl so lange nicht wirklich darüber freuen können, im Volksparkstadion zu spielen, bis diese Sache nicht thematisiert wird. Ich persönlich möchte nicht in einem Volksparkstadion spielen, das auf Gönnerbasis von Geldern eines uneinsichtigen Nazierben finanziert wird. Deshalb muss es darum gehen, den öffentlichen Druck auf Kühne und sein Unternehmen zu erhöhen, die Firmengeschichte im Nationalsozialismus endlich kompromisslos aufzuarbeiten. Denn auch wenn Klaus-Michael selbst damals nicht aktiver Mittäter an diesem massenhaften Mordraub war, so basiert sein Wohlstand und somit auch das Geld, das er in den HSV pumpt, auf diesen Machenschaften und er macht sich mitschuldig, solange er sich weigert seiner Verantwortung nachzukommen. Auch der HSV muss sich die Kritik gefallen lassen, dass er nicht konsequent für die Werte einsteht, die er nach außen trägt. Es ist unser aller Aufgabe dafür Sorge zu tragen, dass die Geschichte sich nicht wiederholt und dass aus ihr gelernt wird. Und wenn sich der sture steuervermeidende Milliardärsopa mit Nazihintergrund weigert diese Aufgabe zu erfüllen, dann müssen wir es eben sein, die darauf hinwirken, dass dieser Teil der Geschichte nicht vergessen, sondern konsequent aufgearbeitet wird.
Love Hamburg, Hate Fascism!
