Die NS-Vergangenheit zentraler HSV-Partner und das bis heute anhaltende Schweigen
Der 27. Januar markiert den Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Er ist Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Erinnerung rund um diesen Tag bedeutet mehr als symbolische Kranzniederlegungen: Sie verlangt Auseinandersetzung mit Verantwortung, Täterschaft und Profiteuren – auch jenseits von Staat und Partei.
Der Hamburger SV ist nicht nur ein Sportverein, sondern auch eine AG & Co. KGaA mit Aktionären, Partnern, Sponsoren und Ausrüstern. Einige Unternehmen, die den HSV auf diese Weise „unterstützen“, existierten bereits so oder in Form eines Vorgängerunternehmens zur Zeit des Nationalsozialismus. Ihre Unternehmensgeschichten erzählen von Tradition, Wachstum und Erfolg. Dabei werden die Jahre zwischen 1933 und 1945 häufig verkürzt dargestellt oder vollständig ausgeklammert. Wir nehmen den diesjährigen Erinnerungstag im deutschen Fußball zum Anlass, etwas genauer hinzuschauen: Wer hat profitiert? Wer hat geschwiegen? Und wer schweigt noch heute?
Aktionär Kühne + Nagel: Logistik der Enteignung
Kühne + Nagel ist eines der größten Logistikunternehmen weltweit und seit 2015 mit 15,21 % größter Anteilseigner der HSV AG. Während des Zweiten Weltkriegs war das Unternehmen im besetzten Europa tätig. Historische Recherchen belegen die Beteiligung von Kühne + Nagel an der sogenannten „Arisierung“ jüdischen Eigentums.
Konkret transportierte das Unternehmen Möbel, Hausrat und persönliche Gegenstände jüdischer Familien, nachdem sie gewaltsam verschleppt worden waren. Diese Enteignungen waren integraler Bestandteil der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik und dienten sowohl der Finanzierung des Regimes als auch der Bereicherung der „Volksgemeinschaft“. Ohne logistische Unterstützung wäre dieser Massenraub nicht möglich gewesen.
Besonders deutlich wird dies an der Geschichte des jüdischen Teilhabers Adolf Maass. Er wurde am 9. Oktober 1875 geboren und arbeitete nach dem Abitur bei Kühne + Nagel. Mit 27 Jahren gründete er eine Niederlassung in Hamburg und erhielt 1928 fast die Hälfte der dortigen Anteile. Im April 1933 wurde Adolf Maass von den beiden Brüdern Alfred und Werner Kühne aus dem Unternehmen gedrängt, die beide kurze Zeit später in die NSDAP eintraten.
Während Adolf Maass und seine Frau Käthe deportiert und ermordet wurden, expandierte Kühne + Nagel entlang der Routen der Wehrmacht. Diese Expansion bildete die Grundlage des internationalen Erfolgs nach 1945. Der wirtschaftliche Aufstieg der Nachkriegszeit war kein Neuanfang, sondern die Fortsetzung einer im Nationalsozialismus geschaffenen Struktur.
Auf der heutigen Unternehmenswebsite fehlt jeder Hinweis auf diese Geschichte. Eine kritische Aufarbeitung ist nicht erfolgt. Der Umgang des Unternehmens und seines Hauptanteilseigners Klaus-Michael Kühne ist von Verdrängung geprägt. Archivzugänge werden verweigert, Verantwortung relativiert. In der Erzählung Kühne + Nagels erscheinen die NS-Verbrechen als bedauerliche Begleiterscheinung eines Krieges, nicht als Ergebnis bewusster Entscheidungen. Klaus-Michael Kühne selbst begegnet Kritik an der Unternehmensgeschichte mit offenkundigem Unverständnis. Die Forderung nach Aufarbeitung erscheint ihm verspätet, überholt und störend. Insgesamt ein Zeichen fehlenden Willens, nicht fehlenden Wissens.
Im Herbst 2023 wurde in Bremen ein „Arisierungs“-Mahnmal eingeweiht, es steht in Sichtweite zum Firmensitz von Kühne + Nagel. Zur Einweihung kam Barbara Maass aus Montreal (Kanada) angereist – sie ist die Enkelin von Adolf Maass.
Weitere Informationen zur Rolle von Kühne + Nagel im Nationalsozialismus und wie Stadt und Verein damit umgehen könnt ihr in der neuen Podcast-Folge des Netzwerk-Erinnerungsarbeit hören.
Hauptsponsor HanseMerkur: Wachstum im NS-System
Die HanseMerkur Versicherungsgruppe stellt die NS-Zeit auf ihrer Homepage stark abstrahiert dar. In ihrer Darstellung heißt es, dass die private Krankenversicherung nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 einen deutlichen Aufschwung erlebte. Die Trennung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung sowie erleichterte Zugänge für Angestellte führten zu massivem Mitgliederzuwachs. Zugleich räumt HanseMerkur ein, dass die „rassistische Ideologie“ des NS-Staates zur Entrechtung und Vertreibung jüdischer Mitarbeitender und Versicherungsnehmender führte.
Problematisch ist bei der Darstellung die Entpolitisierung des Geschehens. Das nationalsozialistische Gesundheitssystem war kein neutraler Rahmen, sondern Teil einer rassistischen und antisemitischen Gesellschaftsordnung. Krankenversicherung diente nicht mehr der solidarischen Absicherung „Schwächerer“, wie noch in der Weimarer Republik, sondern der Förderung eines als „wertvoll“ definierten „Volkskörpers“. Jüdinnen und Juden waren darin systematisch ausgeschlossen.
Dass private Krankenversicherer – darunter sehr wahrscheinlich auch die HanseMerkur – jüdische Versicherte ausschlossen, ist historisch gut belegt. Die HanseMerkur selbst benennt dies jedoch nicht konkret, sondern belässt es bei einer allgemeinen Systembeschreibung. Wer die jüdischen Mitarbeitenden und Versicherungsnehmenden waren, die entrechtet und vertrieben wurden, bleibt offen, genauso wer dafür die Verantwortung trug. Eine historische Aufarbeitung fehlt damit bis heute.
Ausrüster adidas: Parteimitgliedschaft und Kriegsproduktion
Die beiden Brüder Adolf Dassler (gründete adidas) und Rudolf Dassler (gründete Puma) führten seit Mitte der 1920er-Jahre gemeinsam die Gebrüder Dassler Schuhfabrik. 1933 traten sie in die NSDAP ein. Adolf Dassler war zudem Sportwart in der Hitlerjugend. Die Sportschuhfabrik begann Sportschuhe für die Wehrmacht herzustellen. Ab 1943 erfolgte der Wechsel von Schuh- auf Rüstungsproduktion. Dabei wurden mindestens neun französische Zwangsarbeiter eingesetzt.
Nach dem Krieg wurde Adolf Dassler 1947 im Rahmen der Entnazifizierung als „Mitläufer“ eingestuft und konnte das Unternehmen so weiterführen. Während der Streit zwischen den beiden Brüdern weiten Kreisen bekannt ist, wird über die NS-Vergangenheit des Unternehmens erst seit wenigen Jahren öffentlich gesprochen. Auf der Homepage der Firma adidas beginnt die Firmengeschichte mit der Gründung der Gebrüder Dassler Schuhfabrik, die darauffolgende Zeit des Nationalsozialismus wird komplett ausgespart.
Exklusivpartner Hapag-Lloyd: Erste Schritte hin zur Aufarbeitung
Hapag-Lloyd AG entstand 1970 aus der Fusion der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) und der Norddeutschen Lloyd. In der Unternehmensgeschichte wird erwähnt, dass Schiffsreparaturen für die Kriegsmarine durchgeführt wurden. Eingezogenes Personal sei dabei durch „ausländische Zwangsarbeitskräfte“ ersetzt worden. Diese Formulierung bleibt auffällig nüchtern. Zwangsarbeit war kein beiläufiges Phänomen, sondern ein zentrales Element der nationalsozialistischen Wirtschaft während des Krieges.
Da im Zweiten Weltkrieg weder reguläre Schifffahrt noch internationaler Handel per Schiff möglich waren, wurden die Schiffe der HAPAG von der Wehrmacht genutzt. Die Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Regime müsste der HAPAG leichtgefallen sein, so waren sowohl ihr Direktor als auch ihr Aufsichtsratsvorsitzender schon vor 1933 überzeugt rechtsradikal. Die HAPAG benannte 1935 ein Schiff und 1938 ein Kontorhaus um: beide waren zuvor nach dem jüdischen Unternehmensleiter Albert Ballin benannt.
Hapag-Lloyd bezieht sich heute positiv auf die Biografie Ballins und hat ihr Hauptgebäude in „Ballin-Haus“ umbenannt. Keine Erwähnung findet jedoch der Lloyd-Bahnhof als ehemaliger Hauptsitz des Unternehmens. Der Bahnhof wurde 1913 von dem Vorgängerunternehmen Norddeutsche Lloyd Bremen erbaut und während des Nationalsozialismus als Sammel- und Deportationsort für Jüdinnen und Juden sowie Sinti* und Roma* genutzt.
Exklusivpartner König Pilsener und REWE: Viele offene Fragen
Die König-Brauerei, heute König Pilsener, spart die Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Unternehmensdarstellung vollständig aus. Historisch belegt ist jedoch, dass die Bierproduktion während des Zweiten Weltkriegs stark anstieg, insbesondere durch Lieferungen an die Wehrmacht. Zudem wissen wir, dass die Produktion in der Brauwirtschaft häufig nur durch den Einsatz von Frauen und Zwangsarbeiterinnen aufrechterhalten werden konnte. Für König Pilsener gibt es bislang keine historische Untersuchung. Angesichts der allgemeinen Branchenlage ist die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes von Zwangsarbeiter*innen allerdings hoch – fand ein Einsatz von Zwangsarbeiter*innen auch bei König Pilsener statt? Ohne Aufarbeitung bleibt diese Frage unbeantwortet.
REWE wurde 1927 als „Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften“ gegründet. Ziel war die gegenseitige Unterstützung selbstständiger Kaufleute. Während der NS-Zeit wurden jüdische Einzelhändler systematisch enteignet und vom Markt verdrängt. Im Gegensatz zu Edeka hat REWE seine Geschichte bislang nicht historisch aufgearbeitet. Die Rolle jüdischer Kaufleute, ihre Entrechtung und ihr Ausschluss finden in der offiziellen Unternehmensgeschichte keine Erwähnung – die Frage, welche Rolle REWE im Nationalsozialismus spielte, bleibt daher für uns ebenfalls unbeantwortet.
Partner Harry-Brot: Verdrängung von NS-Zwangsarbeit bis heute
Deutschlands größter Backwarenproduzent gründete sich 1688 mit einer ersten kleinen Bäckerei in Hamburg-Altona. 1929 übernahm Harry die Hannoversche Brotfabrik (wurde zu Harry-Habag). Für Harry-Brot ist der Einsatz von Zwangsarbeiterinnen im Nationalsozialismus historisch eindeutig belegt. Frauen aus dem KZ-Außenlager Hannover-Limmer, einem Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, wurden zur Zwangsarbeit bei der Trümmerräumung in einer Produktionsstätte von Harry-Habag eingesetzt.
Die ehemalige Zwangsarbeiterin Wanda J. berichtet vom Arbeitseinsatz:
„Wir wurden nach Hannover zu Enttrümmerungsarbeiten getrieben. Diese Fabrik war wirklich riesig. Das war ein großes Gelände. Am Anfang, d.h. in der Nähe des Eingangstors, wurde weiter gebacken, aber die anderen Gebäude waren zerstört. (…) Wir gingen da an frischem Brot und duftenden Brötchen vorbei, sodass man sich nicht mehr beherrschen konnte. Eine nach der anderen griff sich etwas. Wir dachten nicht mehr so viel an den Luftangriff. Als ich das Brot nahm, merkte das ein Deutscher. Er schlug mich auf mein Auge, und ich bin bis heute auf diesem Auge blind.“
(Zitiert nach: Janet Anschütz / Irmtraud Heike: »Man hörte auf, ein Mensch zu sein« – Überlebende aus den Frauenkonzentrationslagern in Langenhagen und Limmer berichten, Hamburg 2003)
Auf der heutigen Unternehmenshomepage findet sich zum Nationalsozialismus kein Wort. Die Verantwortung wird ausgelagert in Gedenkstätten und historische Forschung.
Weitere Partner: Weiteres Schweigen
Auch bei weiteren Unternehmen wie bauwelt Delmes Heitmann, GL Spezialverglasung und REYER wird die über 100-jährige Firmengeschichte stolz erzählt, die Zeit des Nationalsozialismus findet allerdings keinerlei Erwähnung. Bei VILSA erfahren wir zumindest, dass die Frau das Unternehmen allein weiterführt, als ihr Mann zum Krieg einberufen wird und danach in Kriegsgefangenschaft muss. Wempe beschreibt die NS-Zeit als eine, in der es „seine Selbstbestimmung“ verloren habe und ab 1939 „dem Marine- und Luftfahrtministerium unterstellt“ wurde. Auch der Exklusivpartner Sparda-Bank Hamburg und der Ausrüster HELM AG teilen das laute Schweigen über die eigene nationalsozialistische Verantwortung.
Fazit: Erinnerung ist keine Imagefrage
Die Betrachtung zentraler HSV-Partner, -Aktionäre und -Ausrüster zeigt kein einheitliches Bild, aber ein klares Muster: Wo wirtschaftliche Verstrickungen in das NS-System bestanden, wird die Geschichte häufig verkürzt dargestellt oder vollständig ausgeklammert. Die heutigen Unternehmensleitungen tragen keine Schuld an dem, was passiert ist. Genauso wenig wie wir eine Schuld daran haben, dass der HSV seine jüdischen Mitglieder im Verein ausschloss und sich dem NS-Regime anpasste – aber wir tragen eine Verantwortung.
Das Gedenken an den Nationalsozialismus ist kein Raum für Imagepflege. Aber es ist einer, der Fragen stellt, auch an Sponsoren im Fußball. Wenn wir als HSV „Nie wieder ist jetzt“ sagen und von Verantwortung sprechen, dann liegt es auch an uns, diese Fragen zu stellen. Wer Aufarbeitung ernst nimmt, kann nicht akzeptieren, dass Unternehmen von Tradition sprechen und dabei die Jahre 1933 bis 1945 wie eine Betriebsstörung behandeln oder völlig ausblenden. Insbesondere in einer Zeit, in der Rassismus, Antisemitismus und andere Formen von Menschenfeindlichkeit wieder offener und lauter geäußert werden, ist das Auslassen von historischer Verantwortung keine Neutralität. Es ist eine Haltung. Denn:
Verantwortung bleibt!
Netzwerk Erinnerungsarbeit & Förderkreis Nordtribüne e.V.
Im Januar 2026
