Keine Akzeptanz für Red Bull

26. Februar 2026

Moin HSV-Fans,

am kommenden 24. Spieltag empfangen wir zum ersten Mal seit 2019 wieder RB Leipzig bei uns im Volksparkstadion. In diesen vergangenen 7 Jahren hat sich viel getan: Unser Verein hat den Wiederaufstieg in die Bundesliga geschafft, sich personell und strukturell neu aufgestellt, und auch unsere Fanszene hat in diesen Jahren einen intensiven Wandel durchlaufen. Was sich nicht geändert hat, ist unsere klare Haltung zum anstehenden Gegner: Wir lehnen das Konstrukt RB Leipzig in all seinen Facetten nach wie vor ab!

Und insbesondere weil die Dosen mittlerweile seit einigen Jahren in der höchsten deutschen Spielklasse spielen, gilt es, einer Normalisierung und schleichenden Akzeptanz dieses Konstrukts entgegenzutreten und auch jüngeren HSV-Fans, die gar keine Bundesliga ohne RB mehr kennen, zu vermitteln, dass am Sonntag kein gewöhnliches Heimspiel stattfindet.

Deshalb möchten wir Euch im Folgenden nochmals die zentralen Gründe für unsere Ablehnung darlegen.

1. Red Bull bricht die 50+1-Regel

Die 50+1-Regel ist das zentrale Alleinstellungsmerkmal des deutschen Profifußballs. Sie schützt die Vereine vor zu großer externer Einflussnahme durch Investoren, wie sie z.B. in England weit verbreitet ist. So wird verhindert, dass sich Geldgeber ihren eigenen Profiverein kaufen und ungehindert frei über diesen verfügen können.

Solche Szenarien sollen unterbunden werden, indem DFB und DFL in ihren Satzungen vorschreiben, dass Vereine, deren Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert wurde, nur dann eine Lizenz bekommen, wenn der Mutterverein / e.V. über 50 % der Stimmenanteile zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmenanteils in der Versammlung der Anteilseigner verfügt. Sprich: Der e.V., dessen höchstes Organ die Mitgliederversammlung darstellt, muss auch bei ausgegliederten Profiabteilungen immer die Stimmenmehrheit und somit die Kontrolle innehaben. So wird sichergestellt, dass die Mitglieder des e.V. die Entwicklung der Profiabteilung entscheidend mitbeeinflussen und etwaige Fehlentwicklungen verhindern können.

Dieses Prinzip der Basisdemokratie und Partizipation umgeht RB Leipzig, indem der Zugang zum e.V. als stimmberechtigtes Mitglied hier nicht wie üblich allen „Fans“ offensteht. So besitzt der RB Leipzig e.V. nur 23 stimmberechtigte Mitglieder, die alle in enger geschäftlicher Beziehung zum Unternehmen Red Bull stehen. Zum Vergleich: Der HSV hat über 100.000 stimmberechtigte Mitglieder. Den „Anhängern“ des Konzernclubs steht lediglich eine Förder-„Mitgliedschaft“ ohne Stimmrecht zur Verfügung. Wie präsent die demokratischen Grundprinzipien des deutschen Vereinsrechts wie aktive Teilhabe und Meinungsvielfalt bei einer Mitgliederversammlung sind, die aus 23 von Red Bull handverlesenen Mitgliedern besteht, kann sich ein jeder selbst ausmalen. Dementsprechend ist es auch irrelevant, dass der e.V. formal die Stimmenmehrheit über die ausgegliederte RB Leipzig GmbH innehat. Denn durch die beschriebenen Einschränkungen stellt der Konzern Red Bull sicher, dass der RB Leipzig e.V. keine eigenständigen Entscheidungen trifft, sondern stets auf Konzernlinie bleibt. Das gesamte Konstrukt RB Leipzig ist somit undemokratisch und unterliegt ausschließlich der Kontrolle eines einzigen Konzerns – ein klarer Bruch der 50+1-Regel.

Das ist übrigens nicht nur die Meinung von aktiven Fans, auch Sportrechtsanwälte und jüngst das Bundeskartellamt teilen diese Ansicht. Letzteres mahnte die DFL im Juni 2025 an, die 50+1-Regel u.a. bei RB Leipzig konsequenter durchzusetzen, da es dort wie beschrieben an demokratischen Strukturen mangelt (Stellungnahme des Bundeskartellamts hier).

Wir sind gespannt, wann die DFL dieser Aufforderung nachkommt.

2. Mit Red Bull wird ein ganzer Verein als bloße Werbefläche missbraucht

Die Motivation, warum der Konzern Red Bull seinen „Verein“ 2009 überhaupt gründete und durch seine Milliarden mit aller Gewalt in die Bundesliga peitschte, lässt sich auf einen einzigen Begriff reduzieren: Marketing.

Alle deutschen Vereine von Bundesliga bis Kreisklasse gründeten sich in ihrem Ursprung mit dem Ziel, Sport zu treiben, zu fördern und Menschen eine sportliche Heimat zu bieten. (Das gilt selbst für die Werksvereine aus Leverkusen und Wolfsburg, deren heutigen Strukturen dennoch ebenso zu kritisieren sind. Siehe bspw. Stellungnahme der Fanszenen Deutschland vom Juni 2025). Erst im Anschluss kamen Sponsoren zur Finanzierung des sportlichen Treibens hinzu, die sich zumindest im Rahmen der 50+1-Regel außerhalb der Vereinsstrukturen bewegen. Prinzip: Erst der Verein, dann der Sponsor.

Red Bull kehrt dieses Prinzip um, gründete seinen eigenen Verein und stellt insofern ein Novum im deutschen Fußball dar: Erst der Sponsor, dann der Verein. Jede einzelne Handlung dieses Konstrukts dient seit seiner Gründung einzig und allein einem Zweck: Dem Konzern Red Bull zu mehr Umsatz zu verhelfen. Vereinsname und -logo sind dementsprechend so nahe wie möglich an Firmennamen und -logo angelehnt. Dass dies eigentlich den Aussagen der DFL-Statuten widerspricht („Vereinsnamen und Vereinszeichen zum Zwecke der Werbung sind unzulässig“), sorgte 2014 nach dem Zweitligaaufstieg von RB zwar für Probleme bei der Lizenzerteilung, doch nach ein paar Alibi-Änderungen am Logo nickte der DFL-Lizenzierungsausschuss trotz Widerstand aus den eigenen Reihen das Konstrukt RB schließlich ab und schuf damit Tatsachen. Zu groß war die Angst vor einem jahrelangen Rechtsstreit mit möglichen Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe.

Letztlich ist es aber auch zweitrangig, ob Name und Logo des Leipziger Konstrukts durch Satzungslücken und schamlose Juristerei in Graubereichen rechtlich noch irgendwie gedeckt sind oder nicht. Wenn Vereine und ihre Wappen nicht mehr als Merkmale der Identifikation und Zugehörigkeit für ganze Fangenerationen dienen, sondern zu stumpfen Werbeobjekten ohne gesellschaftliche Verankerung verkommen, verliert der deutsche Fußball langfristig jene Eigenschaften, die ihn überhaupt erst populär und reizvoll machten und jedes Wochenende Hunderttausende in die Stadien locken.

3. Red Bull verzerrt den Wettbewerb

Damit sich die Masche, einen ganzen Fußballclub als Werbefläche zu missbrauchen, aus ökonomischer Sicht überhaupt lohnt, muss dieser natürlich in den höchsten sportlichen Sphären mit der größten Medienpräsenz spielen – und das ließ sich der Konzern Red Bull logischerweise einiges kosten. Laut Medienberichten steckte der Getränkehersteller allein in den 10 Jahren nach Vereinsgründung mehr als eine halbe Milliarde Euro in seinen „Verein“ und das Projekt Profifußball. Buchhalterisch getarnt als Darlehen, überhoch dotierte Sponsoringzahlungen, Schuldenerlasse in dreistelliger Millionenhöhe, usw. usf.

Das führte insbesondere in den Jahren vor dem Bundesligaaufstieg zu völlig verzerrten Zuständen: Die Transfer- und Gehaltsausgaben von RB überschritten die der jeweiligen Ligakonkurrenz um mehr als das 10-fache, bei gleichzeitig nahezu keinen Einnahmen.
So stehen auf der einen Seite die zahlreichen Traditionsvereine, die unter Wahrung von 50+1 Jahr für Jahr um einen Platz im Profifußball kämpfen. Etwaig aufgenommene Finanzdarlehen bedeuten für diese ein erhebliches Risiko, das bei sportlichem Misserfolg zur Zahlungsunfähigkeit führen kann. Auf der anderen Seite steht ein Milliardenkonzern, der seinen Werbeverein gründet und ihn mit astronomisch hohen Geldsummen an der Konkurrenz vorbei bis in die Champions League prügelt. Fallhöhe gleich 0 – denn sollten sich trotz unverhältnismäßig hoher Investitionen keine ausreichend hohen Gegeneinnahmen durch sportlichen Erfolg einstellen, werden die Schulden schlicht durch den milliardenschweren Mutterkonzern ausgeglichen.

Dass bei den offiziellen 50+1-Ausnahmen Leverkusen und Wolfsburg mit ihren Weltkonzernen im Rücken ähnliche Mechanismen greifen, bessert den Umstand in Leipzig nicht. Es zeigt vielmehr auf, warum die vom Kartellamt geforderte Beendigung der Sonderrechte der Werksvereine und das konsequente Durchsetzen von 50+1 bei allen Vereinen so dringend notwendig ist. Wer angesichts dieser Zustände von einem fairen Wettbewerb mit Chancengleichheit und sportlicher Integrität spricht, verkennt die Realität.

RB geht sogar noch einen Schritt weiter: Qua Gründung ist man neben Clubs aus u.a. Salzburg und Liefering Teil des Netzwerks der Red Bull-Vereine. In solchen Multi-Club-Ownerships (MCOs) wirkt in der Regel einer der Vereine als sportliche Speerspitze, während die anderen als „Farmteams“ (also Ausbildungsvereine) für diesen dienen. Warum? Weil es für die Besitzer, in dem Fall die Red Bull GmbH, finanziell lukrativer ist, einen sehr erfolgreichen neben zwei unerfolgreichen Vereinen zu besitzen, als drei mittelmäßig erfolgreiche Vereine unter sich zu haben. Neben der sportlichen Zusammenarbeit bieten MCOs strukturelle Wettbewerbsvorteile, weil sie Transfers und Finanzströme zwischen den Clubs strategisch steuerbar machen – etwa um die Financial-Fairplay-Regeln der UEFA künstlich zu umgehen. So verpflichtete RB Leipzig in der Vergangenheit eine auffallend hohe Zahl an Spielern aus Salzburg zu ungewöhnlich niedrigen Transfersummen. Der Ärger der Salzburger „Fans“ über diese Zustände, etwa 2016 in einem offenen Brief an Mateschitz & Co. geäußert („Der stolze FC Red Bull Salzburg wurde zum Farmteam des sächsischen Ablegers degradiert!“), löst zwar eher Belustigung als Besorgnis aus – die zugrundeliegende Wettbewerbsverzerrung bedroht die Integrität unseres Sports jedoch elementar.

Fazit

Ja, RB hat den kommerziellen Fußball nicht erfunden. Ja, auch der HSV ist auf Sponsorengelder angewiesen. Ja, auch der HSV hat Anteile an Investoren verkauft. Und ja, der HSV hat trotz Rechtsformwechsel auch heute noch mit Einflussnahme durch Anteilseigner wie Kühne und Hanse Merkur zu kämpfen. Aber gerade weil wir uns als Fans eines Profivereins innerhalb des Spannungsfelds zwischen basisdemokratisch organisiertem Volkssport und überdrehtem Milliardenbusiness bewegen, ist es unabdingbar, rote Linien zu definieren und innerhalb wie außerhalb unseres Vereins dafür zu kämpfen, dass diese eingehalten werden – ansonsten werden wir unseren Sport in einigen Jahren nicht mehr wiedererkennen. Und diese roten Linien werden mit Füßen getreten, wenn 50+1 und das Vereinsrecht bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlt werden, Vereine zu Werbeobjekten verkommen und der faire Wettbewerb durch faule Tricks von Milliardenkonzernen ausgehebelt wird. Und genau deshalb lehnen wir RB ab. Nicht, weil wir naive Traditionalisten ohne Blick nach vorne sind. Sondern weil wir für eine nachhaltige Zukunft eines sportlich fairen, identitätsstiftenden Fußballs mit gesellschaftlicher Verankerung und demokratischen Vereinen kämpfen. Und das Leipziger Konstrukt steht diesen Werten in jeglicher Hinsicht entgegen.

Darum gilt, mehr als je zuvor:

KEINE AKZEPTANZ FÜR RED BULL!

Förderkreis Nordtribüne e.V.
Im Februar 2026

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