Quo Vadis – Damit wir gemeinsam entscheiden

7. August 2026

Moin HSV-Fans,
die Sommerpause ist die Zeit, in der es im Volkspark still ist und trotzdem viel passiert. Ein guter Zeitpunkt, um die vereinspolitischen Geschehnisse der letzten Monate zu resümieren und einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Und eines fällt uns da schnell ins Auge. Wir, die Fans, haben uns im Verein unsere Stimme zurück erkämpft. Sieben Jahre lang war da jemand – trotz zweiter Liga, bei jedem Wetter, in jeder Tabellenlage, auf eigene Kosten. Dass das inzwischen an vielen Stellen als Stärke dieses Vereins wahrgenommen wird und nicht als Störgeräusch, ist ein Fortschritt, auf den wir stolz sind. Der HSV ist zurück in der Bundesliga, er hat die Klasse gehalten und wir Fans gestalten dabei mit.

Da auch in den nächsten Jahren weitere Entscheidungen anstehen, die auf den ersten Blick größer sein könnten, als das, was dieser Verein seit Langem gesehen hat, melden wir uns nun bei euch, um unsere Gedanken dazu mit euch zu teilen.

Was dieses Jahr gezeigt hat

Ein Jahr neues eV-Präsidium. Henrik Köncke, Laura Ludwig und Michael Papenfuß sind sichtbar, sie treiben Projekte voran, sie repräsentieren nicht nur, sie arbeiten. Genau dafür haben die Mitglieder sie gewählt, und genau das haben sie bisher geliefert. Wir sehen aber auch, was das kostet: an Zeit, an Nerven, an Lebenszeit – Arbeit eben. Dass inzwischen darüber diskutiert wird, ob ein solches Amt vergütet gehört, begrüßen wir grundsätzlich. Es geht uns dabei um mehr als um die, die das Amt heute ausüben: Ein Ehrenamt dieses Umfangs kann sich schlicht nicht jede und jeder leisten. Wer Familie hat, wer auf sein Einkommen existenziell angewiesen ist, wer nicht ohnehin flexibel ist, tritt nicht an. Damit gehen unserem Verein genau die Menschen verloren, die er bräuchte. Wir verschenken Potential. Eine Debatte zu dem Thema sollte im Verein geführt werden. Offen und ohne Reflex.

Vorbildlich war der Umgang in der Causa Kuntz. Mitten in der Saison, im Abstiegskampf, ohne Nachfolger in der Hinterhand, hat man sich von einem Sportvorstand getrennt, weil die Vorwürfe zum Fehlverhalten glaubhaft waren. Das hat sicher viel Mut, Zeit und Geld gekostet. Doch es war richtig und zeigt: Der HSV kann nach seinen Werten handeln, auch wenn es unbequem werden kann.

Und da war noch etwas, was viele vermutlich gar nicht bemerkt haben: In der vergangenen Saison gab es Heimspiele ohne Polizeipräsenz im Stadion. Die Spiele waren friedlich, die Stimmung war entspannt, niemand hat etwas vermisst. Ganz im Gegenteil, denn die Aggressoren blieben draußen. Wer wissen will, was Vertrauen bewirkt – hier ist die Antwort. Gerne weiter so.

Wo Lücken sind

Zehn Jahre Catering im Volkspark ab 2027. Ein mehrstufiges Auswahlverfahren, acht Bieter, laut Medienberichten zehn Millionen Euro Unterschriftsprämie. Entschieden wurde, so die Vereinswebsite, nach Qualität, Innovation, Regionalität und Nachhaltigkeit. Ein langer, sorgfältiger Prozess, an dem viele, darunter auch wir, „beteiligt“ waren. Nur in der Auswahl am Ende nicht. So stehen wir also genau wie ihr vor dem Ergebnis und stellen uns Fragen: Warum wird Beteiligung vorgespielt, wenn am Ende doch eh allein entschieden wird? Worin genau liegt der Fortschritt zum bisherigen unbeliebten Caterer – ebenfalls ein US-Konzern? Es hat sicher einen Grund, warum derselbe Anbieter beim Nordrivalen aus Bremen nicht verlängert wurde. Über all das hätte man reden können. Vorher.

Das mag wie ein Vorwurf an einzelne Personen klingen, ist aber vor allem eine strukturelle Lücke. Es gab keinen vereinbarten Maßstab, an dem sich eine solche Entscheidung hätte messen lassen. Und wo kein Maßstab ist, entscheidet am Ende häufig eine Zahl.

Die Sache mit dem Stadion

Im Mai hat Hamburg Olympia abgelehnt. Das Stadion soll angeblich trotzdem kommen; Innensenator und Fußballfeind Grote hat beides ausdrücklich entkoppelt. Er spricht von Konferenzräumen, von Konzerten, von Großereignissen und von privaten Investoren, die das alles bezahlen sollen und die bis heute niemand kennt. Angeboten wird uns Beteiligung an der Gestaltung: Es werde wieder eine Nordtribüne geben, die Kurvennamen blieben erhalten, die Fans dürften mitwirken.

Wir nehmen diese Thematik äußerst ernst. Und wir haben uns – auch wenn das sicher nicht der Wunsch aller auf der Nordtribüne war – im Sinne des Vereins mit öffentlichen Stellungnahmen zu Olympia zurückgehalten. Aber ein Stadion ist kein Standort. Es ist der Ort, an dem der Fußball dieses Vereins sein Zuhause hat. Über das Ob entscheiden immer noch die Mitglieder. Dies ist eine der größten Entscheidungen, die dem HSV bevorsteht. Wenn wir sie ohne gemeinsamen Maßstab angehen, wird sie so laufen wie das Catering. Nur eben für die nächsten fünfzig Jahre.

Und noch eine Richtungsentscheidung

Eine weitere richtungsweisende Entscheidung steht bevor. Wie auch schon bei der letzten Mitgliederversammlung zu beobachten, sind nun auch der Presse ernstzunehmende Überlegungen des Aufsichtsrates zu entnehmen, den Vorstand um eine dritte Position zu erweitern. Diskutiert werden dabei vor allem die Bereiche Marketing und Fankultur.

Aus allem, was wir zuvor beschrieben haben, wird für uns eines deutlich: Der HSV braucht keinen zusätzlichen Marketingvorstand. Eric Huwer vertritt und vermarktet den HSV bereits sehr gut – oft sogar zu ambitioniert. Und mit Kathleen Krüger hat auch der Sport eine klare, kompetente Stimme. Beide schauen dabei vor allem nach außen: auf den Markt, auf die Tabelle, auf die Konkurrenz. Was in dieser Konstellation fehlt, ist jemand, der nach innen schaut – auf die Fans, auf die Mitarbeitenden, auf das, was diesen Verein eigentlich zusammenhält.

Was der HSV vielmehr braucht, ist ein Vorstand Kultur. Und zwar nicht als reiner Fanvorstand, sondern mit Verantwortung für Fankultur, Personal, interne Kommunikation und die Weiterentwicklung der Organisationsstruktur. Denn Kultur zeigt sich nicht nur auf den Tribünen, sondern auch darin, wie in einem Verein geführt, gearbeitet und miteinander umgegangen wird.

Dafür braucht der HSV mehr eigenes Personal und dauerhaftes Wissen im Verein – und nicht immer neue, teure Berater, die am Ende doch übernommen werden. Wir brauchen Menschen von der Basis mit einem Gefühl für das große Ganze, nicht den nächsten schönen Direktorentitel. Solche Leute gibt es in unserem Umfeld mehr als genug. Und man sollte nie vergessen: Das beste Personal sitzt oft schon in den eigenen Reihen. Es muss nur gefördert werden, damit es seine Stärken entfalten kann. Wie gut das gehen kann, zeigt Merlin Polzin: vom Co-Trainer über den Interimsposten zum Cheftrainer, der den HSV zurück in die Bundesliga und dort souverän zum Klassenerhalt geführt hat. Ein Eigengewächs, das man gefördert und – gemeinsam mit seinem Trainerteam – frühzeitig gehalten hat. Genau so geht es.

Für uns ist damit klar: Ein dritter Vorstand kann nur einer für Personal und Kultur sein.

Was wir brauchen

Wir fordern nicht, bei jeder kleinen Entscheidung mit am Tisch zu sitzen. Wir sind keine Geschäftsführung und wollen keine sein. Aber wir brauchen Leitplanken. Ein Leitbild, das verbindlich festhält, wofür dieser Verein steht und wie entsprechend gehandelt wird. Nicht als Plakat im Foyer, sondern als Orientierung für alle Handelnden und als Maßstab, an dem sich jede Entscheidung messen lässt, vom Sponsorenvertrag über den Ticketpreis bis zum Stadionneubau.

Der Vorteil liegt auf der Hand. Wer Leitplanken hat, muss nicht bei jedem Thema neu aushandeln, was zum HSV passt. Man weiß es vorher und muss nicht bei jedem neuen Thema misstrauisch werden. Leitplanken ersetzen das Bauchgefühl durch eine Verabredung und sie machen aus Beteiligung eine Selbstverständlichkeit.

Im Februar haben wir dazu vier Dinge benannt: verbindliche Leitplanken für Sponsoren und Investoren, eine Werte- und Nachhaltigkeitsrichtlinie mit Blick auf soziale Verantwortung, die konsequente Abgrenzung von Greenwashing sowie Transparenz und Einbindung bei grundlegenden wirtschaftlichen Entscheidungen. Der Beschluss zur Nachhaltigkeitsberichterstattung auf der Mitgliederversammlung war ein guter Anfang. Ein Anfang ist aber noch lange kein Ergebnis.

Unser Angebot steht unverändert: Wir arbeiten mit. Gemeinsam mit Fans, Mitgliedern, Mitarbeitenden, Abteilungen und Entscheidungstragenden. Am Ende muss ein gemeinsames Ergebnis stehen, welches bindet.

Der HSV hat in diesem Jahr bewiesen, dass er seine Werte über sein Geschäft stellen kann, wenn sie klar benannt sind. Unser Appell an alle: lasst uns daran anknüpfen.

Wir freuen uns auf die neue Saison.

Förderkreis Nordtribüne
Im August 2026

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