Am 21. Juni 2025 wird das neue Präsidium des HSV e.V. gewählt – eine Entscheidung, die maßgeblich mitbestimmen wird, wie sich unser HSV in den kommenden Jahren entwickeln wird. Wie in unseren jüngsten Stellungnahmen zum aktuellen Präsidium vermittelt, stellen sich konkrete Erwartungen an das zukünftige Präsidium: es geht um Visionen und Transparenz der Finanzierungen der Vereinssportanlagen, ein tragfähiges Konzept für die Zukunft des HSV in Hamburg und eine verlässliche Begleitung der HSV Fußball AG & Co. KGaA, deren Entscheidungen nach wie vor großen Einfluss auf das Gesamtbild des HSV haben. Und nicht zuletzt um eine Modernisierung der Vereinsstrukturen sowie eine klare Haltung zu gesellschaftlichen Themen, bei denen der HSV weiter eine aktive Rolle einnehmen muss. Wir sehen die anstehende Wahl daher als Chance, bei diesen Themen eine Veränderung zu erwirken und unseren HSV voranzubringen.
Um Standpunkte und Haltungen der antretenden Kandidatinnen und Kandidaten für das neue Präsidium sichtbar zu machen, haben wir, als Förderkreis Nordtribüne e.V., allen zugelassenen Bewerberinnen und Bewerbern einen Fragebogen mit acht Fragen zugesendet. Dass diese Wahl wieder inhaltlich und nicht bloß durch vermeintlich großen Namen geführt werden kann, verdanken wir nicht zuletzt dem konkreten Anforderungsprofil und der, soweit erkennbar, gewissenhaft geführten Eignungsprüfung des Beirats. Erfreulicherweise haben uns alle Kandidaten Antworten auf unsere Fragen zukommen lassen. Die Antworten von Anna Stöcken (Kandidatin Vizepräsidentin) finden sich aufgrund eines kommunikativen Missverständnisses nur in der angehängten Tabelle.
In den folgenden Absätzen befassen wir uns mit den relevantesten Aussagen der Antworten und fassen sie sachlich, vergleichend, aber mit klarer Haltung zusammen. Allen Interessierten empfehlen wir, die Antworten auch im Original zu lesen – ihr findet sie unter dem Text verlinkt. Zur Erinnerung: Da es hier um die Wahl des Präsidiums des HSV e.V.s geht, finden Themen der ausgegliederten Fußball AG & Co. KGaA (z.B. Ticketpreise, Transferpolitik, Polizeieinsatzkosten) keine Berücksichtigung.
Thema 1: Eigene Zielsetzung
Frage: Was müsste sich durch dich im Verein verändert oder ereignet haben, damit du nach 4 Jahren erfolgreich auf deine Amtszeit zurückblicken könntest? Woran möchtest du dich messen lassen?
Fast alle Kandidierenden teilen hier mehrheitlich das Ziel, den HSV e.V. nicht grundlegend zu verändern, sondern ihn weiterzuentwickeln wollen. Kai Esselsgroth (Kandidat Präsident) nennt klare und greifbare, wenn auch ambitionierte Ziele im Hinblick auf die Infrastruktur des Amateursports. Henrik Köncke (Kandidat Präsident) formuliert ein eher wertebasiertes Zielbild mit Fokus auf einer Kultur des Miteinanders, Identitätsentwicklung und Konfliktfähigkeit. Laura Ludwig (Kandidatin Vizepräsidentin) möchte begrüßenswerterweise speziell Mädchen und Frauen im Vereinssport fördern. Bei der Nennung von konkreten Zielen oder Vorhaben halten sich Frank Ockens (Kandidat Präsident), Ralph Hartmann (Kandidat Schatzmeister) und Michael Papenfuß (Kandidat Schatzmeister) ansonsten stark zurück.
Thema 2: Der HSV als Universalsportverein
Frage: Der HSV e.V. hat als Universalsportverein viel mehr zu bieten als nur Männerfußball. Welche Sparten des Vereins möchtest du in der Amtszeit besonders fördern oder weiterentwickeln? Hast du ein Konzept zur gezielten Förderung von Spitzensport im HSV e.V.?
Ihre Förderung des Amateur- und Spitzensports im HSV e.V. legen die Bewerbenden unterschiedlich aus. Ludwig möchte auf Basis ihres eigenen Netzwerkes im Leistungssport eine individuelle Förderung verfolgen. Köncke und Esselsgroth setzen eher auf eine analyse- und dialogorentierte Entwicklung und visieren dabei eine transparente Gesamtstrategie zur Förderung aller Abteilungen an, ebenso wie Ockens. Papenfuß möchte an den bisherigen Entwicklungen seiner Amtszeit anknüpfen und den Ausbau der Infrastruktur des Amateursports ausbauen, setzt bei der Finanzierung allerdings auf die Unterstützung externer Investoren.
Thema 3: Gesellschaftliches Engagement
Frage: Die Gesellschaft, und damit womöglich auch die Mitgliedschaft, erlebt einen immer deutlicheren Rechtsruck. Wie möchtest du rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen aktiv entgegentreten, so wie es in der Vereinssatzung vereinbart ist?
Ausnahmslos alle Kandidierenden sprechen sich erfreulicherweise einheitlich für eine offene, diskriminierungsfreie Gesellschaft und gegen menschenverachtendes Verhalten aus. Den authentischsten Eindruck vermittelt dabei Esselsgroth, der mit einem fast schon aktivistischen Ansatz eine sehr glaubwürdige Haltung zeigt. Ockens und Köncke betonen die Notwendigkeit nachhaltiger Präventionsstrukturen und einer aktiven, sichtbaren Positionierung des Vereins. Papenfuß sieht bei dem Thema im Verein vor allem „Nachholbedarf“ im Bereich Fankultur. Man merkt seinen Antworten dabei an, dass er Fankultur weder versteht noch verstehen möchte. Die Antworten sind in Stil und Inhalt eher populistisch.
Thema 4: Steuerung
Frage: Das Präsidium als oberstes e.V.-Gremium hat in den letzten Jahren an Ansehen verloren. Doppelfunktion mit vorprogrammierten Interessenskonflikten, dubiose Machenschaften zwischen Präsidium und weiteren Akteuren, Präsidenten, die den e.V. als Sprungbrett in die AG nutzten. Kein leichtes Erbe. Was können wir von dir erwarten, um das Vertrauen der Mitgliedschaft in das Präsidium als Institution wiederherzustellen?
Fast alle Kandidierenden distanzieren sich von früheren Verflechtungen zwischen e.V. und AG sowie von persönlichen Interessenskonflikten. Alle betonen Integrität, Transparenz und glaubwürdige Kommunikation als Grundlage zur Wiederherstellung des Vertrauens in das Präsidium. Ockens verweist auf einen von ihm vor einiger Zeit eingereichten Satzungsantrag zum Wechselverbot vom e.V.-Präsidium in die AG, der allerdings nicht weiter verfolg wurde. Esselsgroth teil unsere Ansicht zum aktuellen Präsidium nicht, sieht sich durch seine aktuelle Rolle als Ehrenratsvorsitzender als vernetzt und vertrauenswürdig. Köncke plant, die Mitglieder ins Zentrum des Vereins zu rücken, möchte diese umfassender informieren und einbinden. Papenfuß gibt sich hinsichtlich unserer Frage ahnungslos, weshalb wir an dieser Stelle gern nochmal auf unsere Stellungnahmen aus dem Frühjahr verweisen. Hartmann will Vertrauen durch Kommunikation und Transparenz gewinnen.
Thema 5: Interessensvertretung
Frage: Zu den Versäumnissen des vorherigen Präsidiums gehört auch das schwache Auftreten, insbesondere in Konfliktsituationen. Vom künftigen Präsidium erhoffen wir klare Haltung und stärkere Moderation zwischen den verschiedenen Interessensvertretern (Vorstand, Aufsichtsrat, Anteilseigner, …) statt selbst Teil des Konflikts zu sein. Wodurch wirst du das umsetzen?
Viele Kandidierende stimmen unserer Forderung zu und sehen gemeinsam die Notwendigkeit einer klareren, souveränen und moderierenden Rolle des Präsidiums zwischen den verschiedenen Interessensvertretern. Esselsgroth und Köncke legen den Schwerpunkt auf Dialog und Vermittlung. Köncke nennt dazu ein (von uns als Förderkreis Nordtribüne e.V. verifizierbares) Beispiel seiner aktuellen Moderationsrolle in der Arbeitsgruppe „Supporters Trust“. Ludwig möchte sich auf Teambuilding, gemeinsame Werte und ein einheitliches Auftreten konzentrieren und Papenfuß betont seine persönliche Dialogbereitschaft.
Thema 6: Anteilsverkauf
Frage: Seit der Ausgliederung des HSV ist das Thema „Anteilsverkäufe“ ein wiederkehrendes und stets kritisch diskutiertes Thema. Der damals versprochene sportliche Erfolg blieb aus, Gelder wurden verbrannt. Wie stehst du weiteren Anteilsverkäufen der HSV Fußball Management AG und Co. KGaA gegenüber und welche Haltung vertrittst du gegenüber potenziellen Geldgebern?
Fast alle betonen, dass weitere Anteilsverkäufe nur in Ausnahmefällen infrage kommen. Köncke, Hartmann und Ockens vermitteln dabei ihre deutliche Verbundenheit zu 50+1 und damit dem HSV e.V. als Mehrheitsgesellschafter. Ludwig stellt in diesem Kontext transparent ihre mangelnde Expertise da, vertraut grundsätzlich aber der Eigenfinanzierung und dem Machterhalt durch den Verein. Viele der Kandidierenden stellen klar, dass ein Verkauf nur bei echter Notwendigkeit und mit Fokus auf die Auswahl der richtigen „Partner“ infrage käme. Eine Befürwortung von fanbasierten Modellen wie dem Supporters Trust, wird dabei nur von Ockens, Köncke und Papenfuß hervorgehoben.
Thema 7: Zusammenarbeit mit weiteren Präsidiumsmitgliedern
Frage: Obwohl es formal nur Einzelwahlen gibt, haben sich im Vorwege Teams mit gemeinsamer Marschroute gefunden. Gute Idee, wenn ein ganzes Team durchkommt. Die letzten Präsidien waren sich nicht immer einig, eines trat sogar deshalb zurück. Wie aber gehst du damit um, wenn niemand sonst aus deinem Team gewählt wird?
Viele Kandidierende zeigen sich kooperationsbereit gegenüber einem gewählten Präsidium. Ockens, Ludwig und Hartmann hoffen zwar an erster Stelle auf ihre Wahl als Team, betonen aber zugleich die Anerkennung der Einzelwahl und sehen auch keine Probleme bei abweichenden Wahlausgängen. Ähnlich sieht es Papenfuß mit seinem Team um Anna Stöcken und Kai Esselsgroth. Esselsgroth verweist auf Gespräche mit Kandidierenden außerhalb seines Teams, eher er eine Einschätzung zur Zusammenarbeit mit ihnen treffen kann. Dadurch wirkt er etwas unkooperativ. Köncke tritt bewusst ohne Team an und ist unabhängig der gewählten Vertretenden zuversichtlich, was eine gute Zusammenarbeit betrifft.
Thema 8: Im Falle einer Nichtwahl
Frage: In den letzten Jahren, aber auch bei dieser Wahl kommen viele Kandidaturen aus anderen Organen und Gremien, die im Fall einer Wahl nachbesetzt werden müssten. Siehst du Probleme darin, im Falle einer Nichtwahl, in das „alte“ Amt zurückzukehren?
Aufgrund dessen, dass nicht alle Kandidierenden ein derzeitiges Amt im HSV innehaben, haben sich hierzu nur drei Antworten eingefunden. Köncke ist aktuelles Mitglied im Aufsichtsrat der HSV Fußball AG & Co KGaA und würde dieses Mandat unabhängig vom Wahlausgang behalten. Er versichert sein bestehendes Engagement im Verein auch dann, wenn er nicht zum Präsidenten gewählt werden sollte. Esselsgroth sieht ebenfalls keine Probleme darin, seine Rolle als Ehrenratsvorsitzender und Beiratsmitglied im Falle einer Nichtwahl fortzuführen. Ockens hat aktuell zwar kein Amt inne, sieht in Personalüberschneidungen von Gremien aber eine Gefahr für die Kontrolle und der klaren Trennung von Aufgaben.
Fazit
Der Kandidatin Laura Ludwig kann man grundsätzlich sportliche Expertise und Ambitionen für den Sport im Verein zugutehalten. Ähnlich wie bei Ralph Hartmann fehlen allerdings konkrete Pläne. Insbesondere bei Hartmann scheint kein fundiertes Konzept vorzulegen, was das Potential eines “frischen Winds” für den Verein unwahrscheinlich scheinen lässt. Franck Ockens ist in seiner Sprache zwar sehr deutlich, wirkt dadurch allerdings teilweise konfrontativ statt integrativ und macht dazu mit seiner persönlichen Nähe zum ausscheidenden Präsidenten Marcell Jansen für uns insgesamt keinen überzeugenden Eindruck. Michael Papenfuß und Kai Esselsgroth sind ihre vereinspolitischen Erfahrungen deutlich anzumerken, sie zeigen sich durchsetzungsstark, aber auch stark steuernd und stellenweise sehr emotional. Dadurch machen sie teilweise einen unbeständigen und weniger kooperativen Eindruck. Die Antworten von Henrik Köncke lassen einen Fokus auf Partizipation und gemeinsame Vereinsentwicklung schließen, die durch seine Arbeit im Aufsichtsrat plausibel erscheinen und einen frischen Wind versprechen könnte. Leider werden seine bisherigen Erfahrungen aus der Vereinsarbeit hier nicht richtig sichtbar.
Aber auch wir haben nicht vergessen, dass in der Vergangenheit an dieser Stelle häufig auf bloße Worte kein Verlass war. Deshalb werden wir alle Beteiligten in entsprechenden Momenten an ihre Worte erinnern und sie an diesen messen.
Lasst uns die Zukunft unseres Vereins mitgestalten und nehmt mit uns am 21. Juni 2025 ab 10 Uhr an der Mitgliederversammlung im Volksparkstadion teil.
Förderkreis Nordtribüne e.V.
Im Juni 2025